Was nehme ich mit in mein neues Leben?

Manchmal hat das Leben eine ganz eigene Art, uns zum Innehalten einzuladen.

Bei mir war es ein großer Fels.

Mein inneres Kind war gerade voller Freude am Spielen. Ein großer Stein hatte es mir angetan – und natürlich entstand sofort die Idee, diesen wunderschönen Fels mit in meinen Garten zu nehmen. Ihn dort einzusetzen, rundherum etwas zu pflanzen und ihm einen neuen Platz in meinem Leben zu schenken.

Also machte ich mich ans Werk.

Beim Wegrollen beziehungsweise Anheben kippte der große Brocken – direkt auf meinen Knöchel – Autsch.

Mein inneres Kind war damit vorerst einmal ziemlich bedient. Schließlich wollte es einfach nur spielen, gestalten und einen schönen, großen Stein mit nach Hause nehmen. Und plötzlich hieß es: Pause. Entschleunigung. Stillwerden. Zuhause bleiben.

Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Geschichte.

Manchmal braucht es einen verletzten Knöchel, damit wir aufhören weiterzulaufen.

So sitze ich nun hier. Mit Zeit zum Nachdenken, Reflektieren, zum Hineinfühlen.
Zeit, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Und während mein Körper heilt, beginnt sich auch innerlich etwas zu sortieren.

Ich bin gerade dabei, meine Wiener Wohnung Schritt für Schritt auszumustern. Ein Gegenstand nach dem anderen darf betrachtet werden: Gehört er noch zu mir? Hat er seinen Platz in meinem neuen Leben?

Denn mit jedem Ding stellt sich eine viel größere Frage:

Was nehme ich wirklich mit in mein neues Leben?

Und damit meine ich längst nicht mehr nur Möbel, Bücher, Kleidung oder Erinnerungsstücke.

Ich meine Erfahrungen, Verantwortung, Rollen, Beziehungen und auch Menschen.

Da ist ein Mensch, den ich schon sehr lange begleite.

Über viele Jahre durfte ich Impulse geben, begleiten, stärken, wirken und immer wieder an seine eigenen Kräfte erinnern.

Doch seit einiger Zeit spürte ich: Mein Kontingent ist nun erschöpft, meine Grenze erreicht.

Denn Begleitung bedeutet für mich, einen Menschen auf seinem Weg zu unterstützen – und gleichzeitig seine eigene Kraft, seine Selbstverantwortung und seine Fähigkeit zur Selbstheilung zu achten.

Wenn ein Mensch seine eigene Kraft immer weiter aus den Händen gibt und darauf wartet, dass jemand anderer die Lösung bringt, verändert sich die Dynamik.

Aus Begleitung wird Abhängigkeit.

Und irgendwann steht die Frage im Raum:

Bin ich hier noch Begleiterin – oder versuche ich einen Weg für jemanden zu gehen, der seinen nicht mehr gehen will, aus einer Idee heraus von Loyalität, Treue oder „weil man sich halt schon so lange kennt…“

Mittlerweile erscheint bei diesem Menschen der Wunsch nach einer bezaubernden Jeannie größer zu sein als der Wunsch, selbst wieder zum Gestalter des eigenen Lebens zu werden.

Einmal mit dem Finger schnippen. Ein Augenzwinkern. Und schon ist alles wieder gut.

Ehrlich gesagt lächle ich darüber. Und gleichzeitig spüre ich sehr klar: Es ist Zeit weiterzugehen.

Nicht aus Härte, sondern aus Achtung. Achtung vor seinem Weg. Achtung vor meiner Kraft. Achtung vor dem, was jeder Mensch selbst in die Hand nehmen darf.

Was nehme ich also mit in mein neues Leben – in mein Haus an der Donau, in Krems?

Diese Frage begleitet mich gerade auf vielen Ebenen.

Welche Menschen wachsen mit mir weiter?
Welche Verbindungen nähren mein neues Leben?
Welche Rollen und Geschichten dürfen ihren Platz verändern?

Und vielleicht liegt genau darin die Botschaft dieses großen Felsens.

Ich wollte ihn unbedingt mitnehmen – in meinen Garten, in mein neues Zuhause, in mein neues Leben.

Und dann landete er auf meinem Knöchel.

Manchmal zeigt uns das Leben sehr direkt, wo unsere Grenzen liegen.

Es geht darum, bewusst zu wählen, was mit uns weiterzieht – und manches dort zu lassen, wo es seinen Platz gefunden hat.

Nun bleibt der große Fels vorerst dort, wo er war, und das ist gut so.

Mein Herz und mein Körper wissen mehr, als mein Kopf versteht.

Während ich nun langsamer unterwegs bin, spüre ich einmal mehr die unglaubliche Kraft meines Körpers .Wie er arbeitet, heilt, reguliert, wirkt, und zwar Stets und stetig.

Ich spüre, wie ich ihm vertraue, und schenke ihm die Zeit, die er für seine Heilung braucht.

Mein Körper ist mein Zuhause.

Er trägt mich durch Veränderung, Wachstum und Entfaltung. Und manchmal setzt er mich dafür eben ein paar Tage auf die Couch. 😉

So bekommt auch mein Geist Raum: zum Hinsehen, Reflektieren, Verantwortung übernehmen und neue Entscheidungen treffen.

Und mein inneres Kind?

Es ist vermutlich noch immer ein wenig beleidigt. Schließlich wollte es doch nur spielen.

Und gleichzeitig darf auch dieses kleine Wesen erfahren:

Leben bedeutet Bewegung, Erfahrung, Lernen, Stolpern und Weitergehen.

Und ich vertraue darauf, dass Wachstum manchmal ganz leise geschieht – und manchmal mit einem großen Fels auf dem Knöchel.

Vielleicht beginnt mein neues Leben genau hier:

Mit Entschleunigung, weniger Dingen, klareren Grenzen, mehr Raum und Dankbarkeit, sowie mit der liebevollen Frage:

Was nehme ich mit in mein neues Leben?

Was wirklich mit mir weiterwachsen will.

Denn während ich mich von so manchem verabschiede, entsteht etwas Wunderschönes:

Mehr Raum für mich.
Mehr Raum für mein Leben.
Mehr Raum für das, was jetzt wachsen will.

In tiefer Dankbarkeit für meinen Körper, meinen Geist, mein Herz, mein inneres Kind und für all die Menschen, die ein Stück meines Weges mit mir gegangen sind.

Und für das Leben selbst, das mich immer wieder erinnert:

Ich bin unterwegs.
Ich wachse.
Ich entfalte mich.

Schritt für Schritt.

Und manchmal eben etwas langsamer. ❤️