Gestern saß ich bei einem Kaffee mit einem Menschen zusammen, mit dem ich vor vielen Jahren einen Lebensabschnitt geteilt habe. Er erinnerte mich an eine Zeit, in der ich ein völlig anderes Leben führte.
Wir kennen uns aus meiner wilden Jugend. Aus einer Zeit, die sich heute anfühlt, als wäre sie aus einem anderen Leben. Und doch reicht eine Begegnung, ein vertrautes Lächeln, eine gemeinsame Erinnerung, und plötzlich ist sie wieder da. Die Anita von damals.
Wir lernten uns während eines zweijährigen Aufenthalts in Irland kennen. Wir verliebten uns, packten unsere Sachen und zogen gemeinsam weiter. Mit dem Wohnwagen durch Italien, Frankreich und Spanien, hinein ins Leben, hinaus in die Welt. Wir sammelten Erfahrungen, Geschichten und Erinnerungen. Wir waren jung, frei und voller Abenteuerlust.
Das klingt heute sehr romantisch, fast wie aus einem Reisemagazin. Nur dass das Leben selten so ordentlich daherkommt wie die Bilder darin.
Denn neben all den schönen Erlebnissen gab es auch dunklere Zeiten. Wir verstrickten uns in Abhängigkeiten, verloren uns in ungesunden Mustern und lebten auf eine Art, die uns auf Dauer nicht guttat. Damals war vieles Erfahrung, manches Flucht und einiges wohl der Versuch, mit uns selbst und dem Leben zurechtzukommen.
Wir wussten noch nicht alles, was wir heute wissen. Und selbst das, was wir wussten, konnten wir nicht immer leben.
Irgendwann führte uns unser Weg zurück nach Wien.
Und gestern saßen wir uns wieder gegenüber. Zwei Menschen, die einander von früher kennen. Zwei Gesichter, inzwischen mit ein paar verdienten Fältchen hier und dort. Wir lachten, erinnerten uns und erzählten. Und während ich meinem Gegenüber lauschte, begegnete ich plötzlich auch mir selbst.
Meinem alten Ich.
Es tauchte in meinem Geist auf wie eine andere Person. Vertraut und doch fremd. Ich sah die junge Anita, ihre Abenteuerlust, ihre Sehnsucht, ihre Entscheidungen und ihre Kämpfe. Ich sah, wie sie lebte und wie wenig sie damals ahnte, wohin sie ihr Weg noch führen würde.
Und ich erkannte, wie sehr ich mich verändert habe.
Nicht über Nacht. Nicht durch eine einzige Erkenntnis. Sondern durch unzählige Erfahrungen, durch Entscheidungen, durch Schmerz, durch Glück und durch all die kleinen und großen Momente, in denen das Leben gefragt hat: Und, Anita, wie geht’s jetzt weiter?
Manche Abzweigungen habe ich bewusst gewählt. Andere haben sich erst im Rückblick als solche gezeigt.
Und dann war da dieser Freund aus meiner Vergangenheit.
Er erzählte, dass er weiterhin in einem Wohnwagen lebt. Und ehrlich gesagt: Das Leben im Wohnwagen hat für mich nach wie vor etwas Wunderschönes. Freiheit, Einfachheit, unterwegs sein. Klingt doch gut? Es braucht kein Ziegeldach, um ein Zuhause zu sein.
Doch ich nahm auch wahr, dass manche seiner Lebensgewohnheiten, die er von damals beibehalten hat, Spuren hinterlassen haben. Spuren, die ich an seinem Körper erkennen konnte.
Und da war sie plötzlich, diese faszinierende und zugleich erschreckende Frage:
Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich an manchen Punkten anders abgebogen wäre?
Was, wenn ich in bestimmten Mustern geblieben wäre? Wenn ich mich weiterhin in denselben Verstrickungen bewegt hätte? Wenn ich manche Warnsignale überhört und bestimmte Entscheidungen immer wieder getroffen hätte?
Ich weiß es nicht. Und ich brauche es auch nicht zu erfahren.
Was ich weiß, ist, dass ich heute an einem anderen Punkt stehe.
Das bedeutet nicht, dass ich alles richtig gemacht habe oder mein Leben frei von ungesunden Gewohnheiten oder „ein paar Baustellen“ ist. Weder bedeutet es, dass ich besser bin als mein Besuch aus der Vergangenheit.
Und doch spüre ich, dass ich an einem entscheidenden Punkt meines Lebens eine andere Richtung eingeschlagen habe.
Ich habe gekämpft, gelernt und losgelassen.
Ich bin hingefallen, wieder aufgestanden und weitergegangen.
Und ich habe auch Glück gehabt, Hilfe erfahren und Entscheidungen getroffen, die mein Leben verändert haben.
Einiges davon war eine bewusste Wahl. Anderes war wohl eine Mischung aus Intuition, Selbstvertrauen und dem berühmten Schutzengel, der bei mir offenbar Überstunden gemacht hat.
Heute schau ich zurück und empfinde tiefe Dankbarkeit und Stolz, stolz weil ich meinen Weg gegangen bin. Weil ich mich weiterentwickelt habe. Weil ich bereit war, mich selbst zu hinterfragen und neue Wege auszuprobieren.
Das ist wohl eine der wertvollen Erfahrungen des Älterwerdens: Wir dürfen unsere früheren Versionen kennenlernen, ohne sie zu ignorieren oder ihnen weiterhin entsprechen zu wollen.
Wir dürfen anerkennen, was war, und dankbar sein. Wir dürfen ehrlich auf das Schmerzhaftе blicken und Frieden schließen mit den Entscheidungen, die wir damals nach bestem Wissen und Gewissen getroffen haben – mit den Möglichkeiten, die uns zu dieser Zeit zur Verfügung standen.
Denn die junge Anita war damals schon eine Lebenskünstlerin. Sie war auf ihrem Weg. Sie hatte ihre Sehnsüchte, ihre Ängste, ihre Grenzen und ihre ganz eigene Art, die Welt zu entdecken.
Wenn ich meinem alten Ich heute begegnen würde, dann würde ich mich zu ihr setzen. Vielleicht auf einen Kaffee. Oder gleich auf ein Glaserl Wein, je nachdem, wie wild der Abend noch werden sollte.
Ich würde ihr in die Augen schauen und sagen:
„Vertraue weiterhin deiner Intuition. Auch dann, wenn der Weg noch unklar ist. Hör auf die leise Stimme in dir, die längst spürt, wenn etwas nicht mehr zu dir passt. Hab den Mut, neue Wege einzuschlagen, auch wenn du noch nicht weißt, wohin sie führen.
Du wirst Fehler machen. Du wirst dich mal verirren. Du wirst Menschen lieben, Entscheidungen treffen und Erfahrungen sammeln, die dich herausfordern. Manche davon werden wehtun. Andere werden dich zum Lachen bringen, bis dir der Bauch vor lauter Lachen wehtut.
Doch du wirst wachsen. Du wirst lernen. Du wirst deinen Weg finden.
Und eines Tages wirst du zurückblicken und erkennen, wie viel Kraft in dir steckt.
Ich bin stolz auf dich. Nicht, weil du alles richtig machst, sondern weil du weitergehst. Weil du dir selbst immer wieder eine Chance gibst. Weil du lernst, dir zu vertrauen.
Es wird gut. Nicht immer so, wie du es dir vorstellst, und doch wirst du deinen Weg finden.“
Es liegt ein besonderer Zauber in solchen Begegnungen. Darin, einen Menschen aus unserer Vergangenheit wiederzusehen und dabei auch uns selbst neu zu begegnen. Sie lassen uns klar erkennen, welche Kämpfe wir ausgefochten, welche Grenzen wir überwunden und welche Entscheidungen uns hierhergeführt haben.
Und für einen Moment wird greifbar, wie viele mögliche Leben in einem einzigen Leben stecken.
Manche Wege sind wir gegangen. Andere haben wir verlassen. Wieder andere haben wir gar nie betreten.
Und keiner von uns weiß, wie das Leben auf der anderen Seite dieser Abzweigungen aussieht.
Jeder Mensch geht seinen Weg. Mit seiner Geschichte, seinen Möglichkeiten, seinen Entscheidungen und seinem eigenen Tempo.
Ich nehme aus dieser Begegnung etwas mit: Dankbarkeit. Für das, was war. Für das, was ich erlebt habe. Für die Menschen, die mich ein Stück meines Weges begleitet haben. Und für die Erkenntnis, dass ich heute dastehe, wo ich stehe. Mit all meinen Ecken, Kanten, Fältchen und Erfahrungen.
Ein Besuch aus der Vergangenheit zeigt uns, wie sehr wir uns in der Gegenwart verändert haben.
Es geht darum, zu würdigen, was wir bereits geschafft haben. Unsere eigene Geschichte mit Mitgefühl zu betrachten und zu verstehen, dass jeder einzelne Schritt, jede mutige Entscheidung und jede noch so kleine Veränderung Teil unseres Weges war.
Gestern saß ich mit einem Freund aus meiner wilden Jugend bei einem Kaffee zusammen.
Heute sitze ich mit einem Gefühl von Dankbarkeit da.
Und irgendwo in meinem Herzen lächelt die junge Anita.
Vielleicht ist sie ein bisschen überrascht, wo wir gelandet sind. Gleichzeitig glaube ich, sie wäre stolz auf uns.
Danke für die Begegnung.
Mit dem Menschen von damals.
Mit meinem alten Ich.
Und mit der Frau, die ich heute bin.
Eure Anita-OmeAtl-Shamanita