Seit vielen Jahren halte ich den Raum bei Erfahrungskreisen, die ich mit viel Liebe gestalte und begleite. Die Themen dazu kommen mir durch das Leben selbst. Mal sind es die verschiedenen Elemente, Runen, das Medizinrad oder auch etwas aus dem Mentaltraining, wie das Dramadreieck. Manches entsteht aus einem Wunsch, anderes aus wiederkehrenden Impulsen von außen. Und dann ist dieses subtile Flüstern, das mir ein Thema bringt, welches ich als Eingebung verstehe.
Diesmal kam das Thema „Vergebung“ ins Feld.
Und ich hatte keinen Schimmer, warum.
Erst als die ersten Anmeldungen eintrudelten und vor allem beim Erfahrungskreis selbst begann ich zu verstehen, weshalb dieses Thema gerade jetzt wichtig war. Mit jeder Begegnung wurde deutlicher, wie viel Vergebung für die Menschen in diesem Kreis bereithielt.
Dafür bin ich sehr dankbar. Denn oft verstehen wir erst im gemeinsamen Erleben, weshalb uns ein bestimmtes Thema begegnet ist.
Und so saßen wir im Kreis, lauschten, erlebten eine Körperreise, teilten Gedanken und Erfahrungen und widmeten uns einer Frage, die so einfach klingt und doch eine ganze Welt in sich trägt:
Vergebung – was ist das überhaupt?
Vergebung ist mehr als ein Wort
Wir hören oft, dass wir vergeben, loslassen, Frieden schließen und nach vorne schauen sollen. Doch was bedeutet das wirklich?
Vergebung wird meiner Erfahrung nach häufig missverstanden. Manche Menschen verbinden damit, das Geschehene gutzuheißen, zu vergessen oder einfach einen Schlussstrich darunter zu ziehen. Als wäre alles wieder gut, sobald wir bereit genug sind, zu vergeben.
Doch so einfach ist es für uns Menschen oft nicht.
Wenn uns jemand verletzt, enttäuscht oder unsere Grenzen überschritten hat, hinterlässt das Spuren. Diese Wut, Trauer, Ohnmacht, Scham oder Enttäuschung begleiten uns manchmal recht lange. Wir erinnern uns an Worte, Blicke und Situationen – und an das, was wir damals gebraucht, aber nicht bekommen haben.
Dabei halten wir oft auch an der Hoffnung fest, dass die Vergangenheit irgendwann doch noch anders wird.
Vergebung beginnt für mich dort, wo wir bereit sind, ehrlich hinzuschauen.
Nicht, um etwas schönzureden oder jemandem zu vergeben, weil es von uns erwartet wird. Sondern um zu erkennen, was diese Erfahrung in uns bewegt und was wir heute damit machen möchten.
Vergebung bedeutet für mich, dem eigenen emotionalen „Schmerz“ Raum zu geben, die Bereitschaft zu entwickeln, ihn nicht länger festzuhalten und die Perspektive zu wechseln.
Das Geschehene bleibt Teil unserer Geschichte. Doch es darf aufhören, unsere Gegenwart mitzubestimmen.
Ein Gedanke, der mich in diesem Zusammenhang besonders berührt, ist dieser:
Vergebung ist ein Geschenk an uns selbst.
Wir warten oft darauf, dass der andere etwas einsieht. Dass eine Entschuldigung kommt, jemand endlich versteht, was sein Verhalten in uns ausgelöst hat, oder Gerechtigkeit geschieht.
Und während wir warten, was dann?
Bleibt unser innerer Frieden davon abhängig, ob ein anderer Mensch seine Haltung verändert?
Genau hier beginnt für mich eine wichtige Begegnung mit uns selbst.
Wir können das Verhalten eines anderen Menschen klar benennen und die Verantwortung dafür bei ihm lassen. Wir dürfen Grenzen setzen, Abstand nehmen und uns schützen. Vergebung bedeutet weder Versöhnung um jeden Preis noch die Verpflichtung, einen Menschen wieder in unser Leben zu lassen, denn ich darf vergeben und trotzdem Nein sagen.
Vergebung eröffnet uns die Möglichkeit, unsere eigene Haltung zu verändern und unsere Kraft wieder stärker dem eigenen Leben zu widmen.
Wenn uns etwas triggert
Kennst du das? Eine Aussage oder eine scheinbar nebensächliche Situation löst in dir eine Reaktion aus, die viel größer ist, als du erwartet hättest.
Plötzlich ist da diese Wut, ein Druck im Brustkorb, ein Frosch im Hals. Das Gefühl, nicht gehört, nicht gesehen oder ungerecht behandelt zu werden. Unser Körper reagiert, bevor unser Verstand überhaupt erfasst, was gerade geschieht.
Solche Momente können uns auf alte Erfahrungen, übernommene Glaubenssätze oder Bedürfnisse aufmerksam machen, die damals keinen Raum bekommen haben.
Ich sehe darin eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Was genau hat mich gerade getroffen? Was erinnert mich diese Situation? Was fühle ich unter meiner Wut? Was habe ich damals gebraucht – und was brauche ich heute?
Dabei geht es für mich nicht darum, jede Verletzung, bis ins Kleinste zu einer persönlichen Lernaufgabe zu erklären oder die Verantwortung für fremdes Verhalten nur bei uns selbst zu suchen. Selbst dann, wenn all das was uns emotional trifft, irgendwo betrifft, beides hier darf nebeneinander stehen. Es geht darum, den eigenen Empfindungen zu lauschen und dort Handlungsspielraum zu entdecken, wo wir heute etwas verändern können.
Ein Trigger ist kein Beweis dafür, dass wir versagt haben. Er kann ein Wegweiser zu etwas sein, das unsere Aufmerksamkeit verdient.
Die Veränderung beginnt oft schon damit, dass wir unsere Reaktion wahrnehmen, anstatt automatisch in alte Muster zu fallen.
Vergebung ist ein Prozess
Wir sprechen oft von Vergebung, als wäre sie eine Entscheidung, die wir einmal treffen und damit erledigt haben.
Doch manche Erfahrungen dürfen ihre Zeit brauchen. Heute spüren wir, dass wir bereit sind, etwas loszulassen, und morgen wird eine weitere Schicht unserer Geschichte berührt.
Das ist menschlich.
Vergebung darf ein Prozess sein. Ein Weg, auf dem wir uns selbst immer wieder begegnen – mit unserer Stärke und Verletzlichkeit, unserer Klarheit und unseren Zweifeln.
Irgendwann zeigt sich diese Erkenntnis auch im Körper. Wir atmen beim Gedanken an eine alte Geschichte freier. Die Erinnerung ist noch da, doch ihre Macht über uns ist kleiner geworden.
Der Kopf kann etwas verstanden haben, während unser Körper noch Zeit zum Nachspüren braucht.
Für mich gehört beides zusammen: verstehen und fühlen. Erkennen und erfahren.
Die Vergangenheit lässt sich nicht verändern.
Diesen Satz haben wir alle schon oft gehört. Und doch frage ich mich, wann aus einer verstandenen Aussage eine wirkliche Erkenntnis im Herzen wird.
Die Vergangenheit ist geschehen. Wir können Gespräche nicht nachträglich anders führen, Entscheidungen nicht ungeschehen machen und Menschen nicht zu dem Verhalten bewegen, das wir uns damals gewünscht hätten.
Was wir jedoch verändern können, ist unsere Ansicht zu dem, was war.
Wir können eine Geschichte aus einem anderen Blickwinkel betrachten, neue Bedeutungen entdecken und prüfen, ob die Überzeugungen, die wir aus einer Erfahrung mitgenommen haben, heute noch zu unserem Leben passen.
Ich darf meine Geschichte behalten und gleichzeitig meine Sicht auf sie verändern.
Ich darf anerkennen, was mir widerfahren ist, und entscheiden, welche Bedeutung ich meinem Leben heute geben möchte.
Das ist für mich ein wesentlicher Schritt in Richtung innerer Freiheit.
Und was ist mit der Vergebung auf Seelenebene?
In meiner spirituellen Arbeit öffne ich gerne einen weiteren Blickwinkel, der über unser unmittelbares menschliches Erleben hinausgeht.
Denn auf Seelenebene ist Vergebung nicht nötig, weil es keine „Schuld“ gibt – nur Erfahrungen.
Wenn wir es aus dieser Perspektive betrachten, dann gibt es tatsächlich nichts zu vergeben, weil Erfahrungen – auch Schmerz, Verletzung und Trauma – Möglichkeiten zum Wachsen sind.
Gehen wir davon aus, dass die Seele bewusst bestimmte Erfahrungen wählt, um zu lernen und sich zu entwickeln, dann ist Verletzung auf dieser Ebene nicht einfach „Unrecht“ oder „ein Fehler“, sondern eine verabredete Erfahrung. Es gibt kein „Opfer“ und keinen „Täter“, sondern Seelen, die gemeinsam eine Geschichte spielen, um tiefer zu fühlen, zu verstehen und zu wachsen.
Diese Wahrnehmung berührt mich. Gleichzeitig ist mir wichtig, zwischen spiritueller Betrachtungsweise und menschlichem Erleben zu unterscheiden.
Beides steht für mich gleich wahrhaftig nebeneinander, die Ansicht, dass wir uns auf Seelenebene verabreden, um unterschiedlichste Erfahrungen zu erleben, sowie die tiefen Gefühle des Menschen, der sie durchlebt und im Besten Falle daran wächst.
Denn wenn wir verletzt werden, sind Schmerz, Trauer und Wut für uns real. Unrecht bleibt Unrecht. Die Verantwortung für verletzendes Verhalten bleibt bei dem Menschen, der es ausübt.
Für mich liegt die Kraft dieser Perspektive darin, über das Geschehene hinauszuschauen und uns zu fragen:
Was bedeutet Menschsein für mich? Was lerne ich über meine Grenzen, meine Werte und meine Bedürfnisse? Was ist wirklich wesentlich und wie möchte ich von hier aus weitergehen?
Wir können die spirituelle Verbundenheit und Seelenverabredungen spüren und gleichzeitig unsere menschliche Verantwortung ernst nehmen.
Beides darf nebeneinander bestehen.
Die tiefste Vergebung: uns selbst
„Die tiefste Vergebung ist die Begegnung mit dir selbst.“ Mit dem Menschen, dem wir besonders viel Mitgefühl entgegenbringen dürfen.
Wir halten uns Entscheidungen vor, die wir heute anders treffen würden. Wir verurteilen uns für Worte, die wir gesagt oder verschwiegen haben. Wir fragen uns, warum wir so lange geblieben sind, warum wir gegangen sind, warum wir so gehandelt haben oder weshalb wir uns nicht früher geschützt haben.
Dabei betrachten wir unser früheres Ich mit dem Wissen von heute.
Damals waren wir an einem anderen Punkt unseres Lebens. Wir hatten andere Erfahrungen, andere Möglichkeiten und andere Vorstellungen. Wir haben mit dem gehandelt, was uns zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stand.
Das bedeutet nicht, die Verantwortung für unser Handeln abzugeben. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, ohne uns dabei gegen uns selbst zu richten.
Ich darf aus meinen Entscheidungen lernen, Fehler erkennen, mich entschuldigen, wo es angebracht ist, und neue Wege gehen.
Und ich darf mir selbst mit Mitgefühl begegnen.
Selbstvergebung bedeutet für mich, mich selbst wieder als der Mensch anzunehmen der ich jetzt bin– mit meiner Geschichte, meinen Entscheidungen, meinen Fehlern und meiner Fähigkeit, zu wachsen.
Vielleicht ist das einer der wichtigsten Schritte: aufzuhören, gegen den Menschen zu kämpfen, der wir einmal waren.
Vergebung bedeutet, mich wieder für mich zu entscheiden
Wenn ich heute auf den Erfahrungskreis zurückblicke, bin ich dankbar für die Menschen, die sich auf dieses Thema eingelassen haben. Für ihre Offenheit, ihre Gedanken und ihre Bereitschaft, auch jene Seiten anzuschauen, die sich lieber im Verborgenen halten.
Vergebung ist kein gerader Weg und kein Versprechen, dass nach einem Ritual alles verschwunden ist oder wir nie wieder an eine alte Geschichte denken werden.
Sie ist eine Begegnung.
Mit dem, was geschehen ist. Mit dem, was es in uns ausgelöst hat. Mit den Überzeugungen, die wir daraus entwickelt haben. Und mit der Freiheit, heute neue Entscheidungen zu treffen.
Mein persönliches Fazit ist klar:
Ich kann die Vergangenheit nicht ändern, jedoch meine Ansicht darauf. Gleichzeitig ich kann mich immer wieder neu für mich entscheiden.
Für mein Wachstum, meine Selbstfürsorge, meine Grenzen, meine Beziehungen und meinen weiteren Weg.
Ich kann anerkennen, was war, und mich von alten Geschichten lösen, ohne sie zu verleugnen. Ich kann lernen, mir selbst jene Liebe und jenes Verständnis entgegenzubringen, nach denen ich mich gesehnt habe.
Vergebung beginnt dort, wo ich den Anspruch ablege, sofort frei zu sein, und bereit bin, mich selbst auf diesem Weg zu begleiten.
Dafür braucht es manchmal ein Zusammenkommen in einem Kreis, ein Gespräch, eine Erkenntnis oder einen einzigen Satz, der uns mitten ins Herz trifft. Und manchmal ist es dieser eine Moment, in dem wir spüren:
Ich darf meine Geschichte ehren. Ich darf aus ihr lernen. Und ich darf weitergehen.
Von Herzen danke ich allen Menschen, die diesen Erfahrungskreis mit mir geteilt und mit Leben gefüllt haben.
Und ich danke dem leisen Impuls, der mir dieses Thema ins Feld gebracht hat. Ich wusste anfangs nicht, warum gerade Vergebung an der Reihe war. Jetzt bin ich umso dankbarer, dass ich diesem Flüstern gefolgt bin.
Denn häufig verstehen wir den Ruf des Lebens besonders genau, wenn wir ihm Raum geben.
In diesem Sinne: Möge Vergebung für uns kein Gebot sein, sondern eine Möglichkeit. Eine befreiende Möglichkeit, uns selbst wieder näherzukommen und unser Leben mit mehr Bewusstsein, Mitgefühl und innerer Freiheit zu gestalten.
Eure Anita-OmeAtl-Shamanita